Eine Weihnachtsgeschichte ...
Endlich, als es bereits dunkel war, hatten wir alle Geschenke beisammen. Mit gewisser Vorfreude auf die bevorstehende Bescherung machte ich mich mit meiner Frau auf den Heimweg.
Wieder kamen wir an dem düsteren Haus der alten Frau vorbei, das einzige Haus in unserem Viertel, das nicht wie alle anderen weihnachtlich geschmückt war und hell erstrahlte. Ohne diesem Haus viel Beachtung zu schenken, gingen wir vorbei.
Der Abend begann wie jeder Weihnachtsabend. Doch ich bemerkte, dass meine Frau irgendwie nachdenklich wirkte.
Später saßen wir also wie jedes Jahr bei weihnachtlicher Musik vor unserem geschmückten Weihnachtsbaum und wollten gerade beginnen, unsere gegenseitigen Geschenke zu öffnen, als meine Frau plötzlich sagte: „Nein, ich kann das jetzt nicht!"
„Was meinst du?", fragte ich zurück. „Die arme Frau, die hat niemanden, und sie sitzt jetzt im Moment ganz alleine in ihrem großen dunklen Haus und hat nichts von Weihnachten." Ich musste meiner Frau zustimmen. „Aber was können wir tun?"
„Ich sage dir, was wir tun können: Wir nehmen jetzt einige Kerzen und gehen zu ihr rüber!"
Auf unserem Weg begegneten wir einem Nachbarn, der gerade dabei war, eine ausgefallene Lichterkette an einem Baum zu ersetzen. Er fragte uns, wohin wir jetzt noch gingen. Wir zeigten auf das dunkle Haus und antworteten: „Wir wollen der armen Frau jetzt an Weihnachten ein wenig Gesellschaft leisten." Als wir weitergingen bemerkten wir, dass er uns hinterher starrte.
Wir klingelten bei der alten Frau. Als sie uns öffnete, konnten wir an ihren traurigen Augen erkennen, wie sie sich fühlte. Mit den zwei brennenden Kerzen in den Händen fragten wir, ob sie uns hereinlassen würde. Sie wies uns den Weg.
Drinnen war von weihnachtlicher Stimmung nichts zu erkennen. Bestimmt war die alte Frau jedes Mal wieder froh, wenn die Festtage vorüber waren. In ihrer Küche setzten wir uns nieder und stellten eine Kerze auf den Tisch und eine auf das Fensterbrett. Eigentlich, so erzählte uns die Frau, hätte sie sich bald schlafen gelegt, aber jetzt würde sie gerne noch aufbleiben.
Einige Zeit später klingelte es an der Tür. Ahnungsvoll blickten meine Frau und ich uns an. Als die alte Frau öffnete, stand draußen der Nachbar, der uns kurz zuvor gesehen hatte, mit seiner kleinen Tochter, auch sie trugen Kerzen bei sich. Wir bemerkten ein Lächeln im Gesicht der alten Frau. „Warten Sie nur mal ab!", flüsterte der Nachbar mir zu.
Wieder klingelte es. In immer kürzeren Abständen kamen viele der Nachbarn von ringsum. Alle hatten Kerzen dabei, die in alle Fenster des kurz zuvor noch so düster wirkenden Hauses gestellt wurden. Anstatt allein zu sein hatte die alte Frau das ganze Haus voller fröhlicher Menschen. Ihr trauriger Blick war einem fröhlichen Gesicht gewichen, sie hatte die Freude des Weihnachtsfestes wieder entdeckt.
Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest, Zeit zur Besinnung und viele glückliche Stunden im kommenden Jahr!
Ihre
Lena Strothmann
Mitglied des Deutschen Bundestages
Platz der Republik 1
11011 Berlin






